Grippe-Hysterie: Gut für’s Geschäft

Im Eilverfahren werden derzeit in der EU neue Impfstoffe zugelassen, die die Infektion mit dem „Schweinegrippe“-Virus H1N1 verhindern sollen. Ohne vorherige klinische Prüfung sollen diese Impfstoffe dann an Millionen von Menschen in Europa verimpft werden.

Die europäische Zulassungskommission hatte bereits am 4. März 2009 der Firma Baxter die "Modell-Zulassung" erteilt für einen Pandemie-Impfstoff. Sie betriff zunächst den H5N1-Grippe-Impfstoff CELVAPAN, gilt aber im (bereits ausgerufenen) Pandemiefall auch für einen Impfstoff gegen das "Schweinegrippe"-Virus H1N1 - ohne dass dieser eigens auf Wirksamkeit und Sicherheit klinisch geprüft werden muss. Ähnliche Modell-Zulassungen haben inzwischen auch die Firmen GlaxSmithKline und Novartis in der Tasche (Ärztezeitung 6.7.2009).

In dem Bescheid an Baxter heißt es: "dass in diesem Fall besondere Umstände vorliegen, nämlich dass es nach dem gegenwärtige Kenntnisstand keine umfassende Auskunft über die Wirksamkeit und Sicherheit des Arzneimittels bei normaler Anwendung geben kann". Baxter hat also einen Freischuss - ganz im Gegensatz zu vielen Herstellern naturheilkundlicher Medikamenten, die wegen der immer höheren Zulassungshürden altbewährte Produkte vom Markt nehmen oder ihre Firmen gleich ganz schließen müssen.

Die Empfehlungen der Impfkommission der Weltgesundheitsorganisation SAGE lesen sich wie unfreiwille Satire. Gegen die neue Influenza sollen geimpft werden "Schwangere; Patienten ab dem Alter von 6 Monaten mit einer oder mehreren chronischen Krankheiten; gesunde junge Erwachsene im Alter zwischen 15 und 49 Jahren; gesunde Erwachsene zwischen 50 und 64 Jahren; gesunde Erwachsene ab dem Alter von 65 Jahren". Da bleibt dann also niemand mehr ungeimpft. Die SAGE räumt allerdings ein: "Da bei der Produktion einiger Pandemie-Impfstoffe neue Technologien zur Anwendung kommen, die bisher nicht eingehend auf ihre Sicherheit bei bestimmten Bevölkerungsgruppen evaluiert wurden, ist die Einrichtung einer Postmarketing Surveillance von höchstmöglicher Qualität sehr wichtig".

In Deutschland ist die Impfung von 22,5 Millionen „besonders gefährdeten“ Menschen vorgesehen. Die Kosten von über 600 Millionen Euro tragen die Krankenkassen - auch in Zeiten der Finanzkrise anscheinend kein Problem. Sollte das Gesundheitsministerium die „Impfung für alle“ planen, würde das 2 Milliarden Euro kosten.

Die Sunday Times vom 12. Juli 2009 vermutet, dass die ersten Patienten, die sich impfen lassen, etwas nervös sein werden wegen möglicher Nebenwirkungen. 1976 hatte ein Impfstoff gegen ein „Schweinegrippe“-Virus in den USA Lähmungserkrankungen (Guillain-Barré-Syndrom) bei Hunderten von Patienten verursacht. Die Ursache war wahrscheinlich eine Autoimmunreaktion mit Bildung von Antikörpern gegen Fette aus dem Nervengewebe (Nachamkin 2008).

Der britische Experte Tom Jefferson vom angesehenen Cochrane-Institut beklagt in einem Gespräch mit dem SPIEGEL vom 18.7. 2009, dass die Gefahr der „Schweinegrippe“ völlig überschätzt wird und die Panik unter anderem geschürt wird, um Geld zu verdienen. Die Weltgesundheitsorganisation habe Anfang Mai sogar die Definition einer Pandemie geändert, um sie in diesem Fall ausrufen zu können: Das Kriterium, dass es sich für eine solche Definition um eine gefährliche Krankheit handeln muss, wurde kurzerhand abgeschafft.

Jefferson äußerte, dass sich Forschung und Öffentlichkeit nur deshalb ausschließlich für Influenza interessieren, weil es gegen dieses Virus pharmazeutische Mittel auf dem Markt sind: „Mit den anderen Erregern lässt sich kein großes Geld verdienen“. Einen Einfluss auf die Sterblichkeit habe jedoch weder die Grippeimpfung noch die Gabe von Tamiflu.

Die meisten Medien springen auf den Panik-Zug auf, denn solche Schlagzeilen steigern den Verkauf. Nur selten findet man differenzierte Darstellungen wie in der ZEIT vom 23.07.09, die hinter den hysterischen Medienmeldungen "fast ausnahmslos... Triviales" erkennt und kritisch die von RKI oder der WHO veröffentlichten Erkrankungszahlen kommentiert, oder Meldungen wie die im Schweizer Tagesanzeiger vom 28. April 2009: “Während die Hysterie um die Schweinegrippe stetig steigt, legt auch Roche an der Börse kräftig zu. Zusammen mit GlaxoSmithKline profitiert Roche derzeit wohl am stärksten von der Angst vor der Schweinegrippe".

 

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